Cage und die Zwischentöne

In seiner Kunst geht es John Cage darum, die Grenzen des Sicht- und des Hörbaren zu erkunden und damit allem - auch dem Unscheinbarsten und dem Überhörbaren - Geltung zu verschaffen.

Im Rahmen des Literatur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ las Wulf Herzogenrath, ehemaliger Leiter der Kunsthalle Bremen und heute Direktor der Sektion Bildende Künste der Akademie der Künste Aphorismen und kurze Texte von John Cage. Hörmann förderte diese Veranstaltung.

Auf Gut Holzhausen, Nieheim bei Paderborn, las Wulf Herzogenrath, ehemaliger Leiter der Kunsthalle Bremen und heute Direktor der Sektion Bildende Künste der Akademie der Künste Aphorismen und kurze Texte von John Cage. Hörmann förderte diese Veranstaltung des Literatur- und Musikfestivals „Wege durch das Land“ vom 20.5.2013.

In seiner Kunst geht es John Cage darum, die Grenzen des Sichtbaren und des Hörbaren zu erkunden und damit allem - auch dem Unscheinbarsten und dem Überhörbaren - Geltung zu verschaffen.

Die Musik von Cage, die an zwei Flügeln (A.Lubimov) und mit Sprechgesang (N.Pschenitschnikova) zu vernehmen war, setzt auf alle Töne, die im Raum erklingen, auch auf die störenden, die Neben- und die Zwischentöne. (Siehe dazu die Zusammenfassung eines Gesprächs mit Wulf Herzogenrath über John Cage’s Kunst, März 2013)


JOHN CAGE

Aus einem Gespräch mit Wulf Herzogenrath, Berlin; 13.3.2013

„Die Zerbrechlichkeit muss wieder von den Rändern ins Zentrum der Gesellschaft rücken………,“ sagt Philippe Pozzo di Borgo (Urbild des gelähmt auf den Rollstuhl angewiesenen Philippe im Film „Ziemlich beste Freunde“). Birgit Minichmayr las abschliessend Peter Handke, Gedicht an die Dauer.

Zwischentöne

Aus einem Gespräch mit Wulf Herzogenrath, Berlin; 13.3.2013

Cage meint die Dinge zwischen den Tönen, die anderen Töne, die Möglichkeit, dass etwas weiter klingt, wenn kein instrumentaler Klang angeschlagen wird. Für Cage ist Musik nicht nur, was vom Notenblatt gespielt wird. Musik ist ja sowieso nicht, was dort aufgeschrieben steht sondern das, was klingt. Und dabei ist immer auch zu hören was dazwischen klingt. Auf einer der alten Schallplatten, den Vinyl-Platten, klingen unweigerlich auch die Kratzer, die sie mal erhalten hat.

Konzert

Cage lässt 1952 ein Stück aufführen, in dem kein Musikinstrument zu hören ist sonder nur die Geräusche eines Konzertsaals, in dem sich hunderte von Besucher befinden. Zu hören ist Rascheln, Husten, Nervosität. Cage fragt: Warum ist das nicht auch Klang? Ist das Rauschen im Wald nicht auch Klang? Ist so etwas niedriger Klang, während komponierte Musik, Musik vom Notenblatt als höherer Klang anzusehen ist? Vogelgesang empfinden wir ja als wunderschön. Da klingen aber keine Instrumente und es wird nicht vom Blatt gesungen.

Demokratische Grundsätze

Cage hat die drei deutschen Begriffe Geräusch, Musik, Klang aufgehoben. Sie bezeichnen eine Einheit. Jeder kann den Ausdruck benutzen, der ihm mehr liegt. Aber, sagt Cage, nenne es lieber Musik. Und entscheide, was dir daran wichtig ist. Was daran schön und anregend ist, kann nicht durch die Definition entschieden werden.

Ein „TatüTata“, das wir während des Vortrags einer Klaviersonate etwa hören, drücken wir akustisch weg, weil es uns als nicht zugehörig erscheint. Aber Cage setzt auf die Offenheit, dass alles, was da klingt, dazu gehört. Auch die Pause, auch die so genannte Stille. Cage behauptet die Gleichwertigkeit und glaubt nicht an eine vorgefertigte Rangfolge. Das sind – von ihm auch so gemeint – demokratische Grundsätze.

Den Schalter umlegen

„To open eyes“, darum geht es Cage, oder auch „to open ears“. Niemand ist gezwungen, das Summen der Klimaanlage und das Scharren der Füsse als schön wie eine Melodie von Mozart zu empfinden. Der Hinweis auf Gleichwertigkeit, soll dem Hörer nur klar machen, dass es in der Musik sehr viel mehr und anderes gibt, das bisher überhört wurde. Es ist, als wenn ein Schalter umgelegt wird und man sich sagt: Ich muss mich anders einstellen. Cage verlangt nur, dass sich deine Wahrnehmung verändert.

Das Husten des Nachbarn „stört“ beim Musikgenuss. Nimmt man es aber als Teil des Ganzen, vom Einnehmen der Plätze im Saal, über das Stimmen der Instrumente, über die Pausen vor dem Einsatz bis zum Applaus…….. dann ist dieses ganze Klanggeschehen das Konzert. Und wenn du es so wahrnimmst, hast du den Schalter umgelegt. Innerhalb der Wahrnehmung des Ganzen, kannst Du natürlich entscheiden, was dir wichtig ist. Cage sucht eigentlich nur zu vermitteln, dass „Konzert“ nicht das ist, was man darunter üblicherweise versteht.

Freiheit

Cage sieht den Komponisten nicht als einsames Genie. Er setzt lieber an die Stelle des Genies, der seinen aktuellen individuellen Zustand in ein Kunstwerk transponiert, den Zufall als gestaltendes Element. Der Interpret seinerseits soll die Struktur, die Cage ihm vorgibt, eigenständig ausfüllen.

Ziel ist es letztendlich, dem Hörer eine neue Freiheit zu geben, die Freiheit zu entscheiden, was das Gehörte für ihn bedeutet und nach welchen Massstäben er es bewerten will. Der Hörer soll sich emotional einbringen, anders als bei Fluxus- und Happeningveranstaltungen, wo er aufgefordert wird, aktiv mitzumachen.

Sensibilisierung

Zuhörer und Zuschauer, denen so die Freiheit der Bewertung gegeben ist, müssen für sich entscheiden, weswegen ihnen die Begegnung mit der Welt des Klanges und der Gestaltung  wichtig ist. Ihre Befähigung zu eigenen Entscheidungen und Bewertungen ist wichtiger als die Vorgaben, die zur Bewunderung grosser Werke und ihrer mehr oder weniger bravourösen Ausführungen oder Interpretationen anhalten. Zur Kunst muss man sich immer selbst entscheiden und öffnen.

Relativität der Eindrücke

Für Cage sind Musikstücke nicht von kanonischer Dauer. Seine Sonaten erklingen für Minuten. Eines seiner Werke ist „as slow as possible“ aufzuführen. Es wird zur Zeit in Halberstadt mit einer geplanten Dauer von 639 Jahren aufgeführt.

Der Zuhörer muss sich bei Cage sowieso darauf einstellen, dass er immer nur einen Teil des Klangstücks erfassen kann, dass seine Rezeption notwendig relativ ist. In Halberstadt erklang das Werk schon vor Jahren und weitere Teile werden erst zu hören sein, wenn der Zuhörer von heute es nicht mehr wird hören können. Alle Töne und Zwischentöne zusammengenommen kann der Zuhörer eines musikalischen Werks immer nur Bruchstücke davon wahrnehmen.

Alltag und Anderssein

Cage vermittelt sich aber nicht nur über den Intellekt. Seine „Living Room Music“ etwa, für die Geräusche und Gegenstände des Alltags scheinbar zufällig zum Klingen gebracht werden, kann emotional als schön empfunden werden. Ein Stück wie dieses ist klassisch zu hören und zu geniessen. Es macht aus dem, was gemeinhin überhört und übersehen wird etwas ganz anderes – Musik.

Du musst eben umdenken, wenn du über Cage nachdenkst. Wer sich auf ihn einlässt, findet neue Zugänge zu neuen Feldern des Klangs und der Wahrnehmung. „Cage“ ist dabei sicher nicht „Antwort“ sondern eher „Frage“. Jede Frage, die seine Kunst aufwirft, macht neue Antworten möglich.

Die „Living Room Music“ ist auf Youtube in den unterschiedlichsten Versionen zu hören: z.B. www.youtube.com/watch