Autofahren ist in Tübingen keine Freude. Und das soll auch so sein. Dahinter steckt pure Absicht. Bis 2030 will Tübingen klimaneutral sein – so schnell wie keine andere deutsche Stadt. Und neues Symbol dieses Tempos ist die Radstation.
Standort: Europaplatz 20, Tübingen, DE
Architekt (Gebäude): haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart, DE
Architekt (Tiefgarage): KMB Architekten, Bietigheim-Bissingen, DE
Fertigstellung: 2023
Hörmann Produkte: Stahl-Objekttüren H3-1 OD, H16-2 OD
„Net schwätze, schaffe“ – lautet die Quintessenz der örtlichen Vorgehensweise, wenn es um Umweltpolitik geht. Übersetzt bedeutet es: Keine langen Grundsatzdebatten mehr, sondern zielgerichtetes Handeln mit Unterstützung der Bevölkerung. Dank dieser Effizienz stehen die Chancen nicht schlecht, dass die Schwaben ihr ambitioniertes Klimaziel erreichen. Zwischen Bahnhof, ZOB und Parkanlage Richtung Neckar steht seit einiger Zeit das sichtbarste Symbol der Tübinger Verkehrswende. haascookzemmrich STUDIO2050 entwarfen eine hochelegante Radstation als Zentrum jenes „Blauen Bandes“, das als Tübinger Superradwegenetz die lokale Verkehrswende möglich macht. Neckar und Bahnlinie waren bislang – neben der Topografie – die zentrale Herausforderung für alle, die lieber radeln wollten. Denn Fluss und Schienen zerteilen die Stadt recht radikal. Mehrere neue leuchtend blaue Radbrücken – bei Bedarf und Glatteisgefahr sogar beheizt – sorgen nun dafür, dass Ziele in der Stadt per Rad inzwischen deutlich schneller zu erreichen sind als mit dem Auto. Dieser Zeitgewinn gilt als zentraler Hebel – und mit der neuen Radstation wurde nun auch für zusätzlichen Komfort gesorgt.
Vielfältige Angebote
Über eine fünf Meter breite Rampe rollen die Räder ins Untergeschoss und können dort auf einem der 1100 Plätzen sicher abgestellt werden. Sie können gewaschen werden, es gibt eine Reparaturwerkstatt, und die teuren E-Bikes lassen sich sogar (gegen Geld) zusätzlich sichern. Pendler finden Schließfächer. Wer kein Rad besitzt, kann sich tageweise eines leihen. Und wer es besonders eilig hat, nutzt das Valet-Parking. Das Rad wird dem Personal einfach in die Hand gedrückt und abends wieder in Empfang genommen.
Städtebaulich steht die Radstation an einem der wichtigen Schnittpunkte Tübingens. Direkt im Rücken liegt der Bahnhof, und gegenüber locken der idyllische Anlagensee, die Neckarinsel, der Hölderlin-Turm und die Altstadt. Keine schlechte Lage also für das neue Café in der Radstation, das auch die große Sonnenterrasse bewirtschaftet und als „Inklusionsbetrieb“ funktioniert. Menschen mit Einschränkungen arbeiten hier im regulären Arbeitsmarkt gemeinsam mit Menschen, die ohne Behinderungen durchs Leben gehen.
Ironisches Zitat
Architektonisch zitieren haascookzemmrich STUDIO2050 ironischerweise eine Typologie, die in den Anfängen des Automobilzeitalters durchaus bekannt war. Ein filigranes Flugdach überspannt hier aber keine Tankstelle, sondern das Tübinger Verkehrskonzept der Zukunft. Und weil auch die Energieleitlinie der Stadt Tübingen erfüllt werden sollte, war das Ziel, mit Low-Tech ein robustes Gebäude zu erstellen: CO2-neutral, ressourcenschonend und mit möglichst wenig Gebäudetechnik. Weil Bahnhofsvorplätze nicht unbedingt zu jenen städtischen Bereichen zählen, die als besonders sicher wahrgenommen werden – Tübingen macht hier keine Ausnahme – sollte die Radstation viel soziale Kontrolle bieten.
Lichtbänder, Glasfassaden, eine als freundlich und zugleich hochwertig empfundene Holzarchitektur sorgen dafür. Die Glasfassade wurde nicht bis ganz zum Boden geführt, sondern ist durch einen massiven Sockel vorsorglich geschützt und der exponierten Lage angepasst. Das fast schon emblematisch für eine emissionsfreie und freudig strahlende Tübinger Zukunft stehende Gebäude gibt dem vorformulierten Ziel die passende architektonische Hülle. Dass dieses Fahrradparadies allerdings den etwas ungelenk-bürokratischen Namen „Radstation“ verliehen bekam, irritiert ein wenig. Denn eine Radstation verspricht schließlich vor allem pure Funktionalität. Der Entwurf überformte diese Aufgabe aber mit einer fröhlichen Poesie, die der Universitätsstadt Tübingen, dem Zentrum schwäbischer Literatur und Geisteswissenschaft, sehr angemessen ist.
Bei der Tübinger Radstation lenken zunächst das „fliegende“ Dach, die transparente Erdgeschosszone mit Café und Fahrradwerkstatt sowie die zentrale Lage am Bahnhofsvorplatz die Blicke auf sich. Die eigentliche Funktion – das sichere Abstellen und Verwahren der Fahrräder – wird jedoch weniger prominent im Untergeschoss bedient. Dort befinden sich neben der Parkfläche auch Technik- und Lagerräume. Die Übergänge dieser öffentlichen und nicht öffentlichen Bereiche sind mit Stahl-Objekttüren H3 OD und H16 OD getrennt. Sie sind feuerhemmend (T30) beziehungsweise feuerbeständig (T90) und rauchdicht ausgeführt und verhindern so im Brandfall die Ausbreitung von Feuer und Rauch. Darüber hinaus schaffen sie im Untergeschoss der Radstation klare Übergänge, trennen Nebenbereiche ab und halten intensiver Nutzung stand. Hier treten die Türen als Teil einer belastbaren Innenstruktur in Erscheinung. Betont die Architektur der Radstation Offenheit und Übersicht, liegt die Stärke dieser Türen in ihrer unauffälligen, aber zuverlässigen Funktion im täglichen Betrieb.
Standort: Europaplatz 20, Tübingen, DE
Bauherr: Stadt Tübingen, DE
Architekt (Gebäude): haascookzemmrich STUDIO2050, Stuttgart, DE
Architekt (Tiefgarage): KMB Architekten, Bietigheim-Bissingen, DE
Tragwerk: wh-p GmbH Brandschutzplanung, Stuttgart, DE
BGF: 1550 m²
Fertigstellung: 2023
Fotos: Joachim Grothus, Herford, DE
Hörmann Produkte: Stahl-Objekttüren H3-1 OD, H16-2 OD