Wonach suchen Sie?

Großer Kniender

Eine Skulptur von Stephan Balkenhol

Hintergrundinformationen

Stephan Balkenhol zählt zu den Bildhauern, die noch in traditioneller Weise arbeiten. Er schlägt seine menschlichen Figuren und Köpfe aus einem Holzblock, oder fertigt sie – wie für den „Grossen Knienden“ – aus Gips, um sie dann in Bronze zu giessen. Einkerbungen, Risse und Unregelmässigkeiten zeugen vom Arbeitsprozess und lassen die Skulpturen gemeinsam mit der farbigen Fassung lebendig erscheinen. Trotz eindeutiger Verortung seiner Figuren in der Gegenwart verzichtet Balkenhol bewusst auf spezifische Merkmale, die auf Beruf, sozialen Status oder politische Gesinnung hindeuten würden. Auch starke Emotionen zeigen die von ihm gestalteten Menschen nicht. Dafür treten sie uns mit einer grossen Selbstverständlichkeit entgegen. Diese Zurücknahme der Charakterisierung als ein bestimmter Typus und die offensichtlich gelassene Geisteshaltung erleichtern dem Betrachter die Identifikation. Das gilt sogar, wenn ein Mann vor uns kniet.

In der Kunst gibt es für die Haltung des Kniens wenige Vorbilder; meist stehen, sitzen, gehen die Dargestellten, beugen höchstens ein Knie. So wie das Knien überhaupt aus der Mode gekommen ist. Ausser vielleicht auf dem Fussballfeld. Sich hinzuknien setzt ein Vertrauen in sein Gegenüber voraus, die Intention mag eine Bitte sein oder der Wunsch, für etwas danken zu wollen. Freiwillig macht sich der Kniende kleiner, liefert sich ein Stück weit aus. Christliche Kunst zeigt zuweilen kniende Heilige und Büsser. Jedoch ist es meist ein demütiges, hingegebenes Knien, während Balkenhols Figur eine sehr aufrechte Haltung einnimmt. Immer fordert diese Geste ein Gegenüber, fordert einen Dialog mit dem Betrachter heraus.

Balkenhols Skulptur mag eher an den berühmten Kniefall Willi Brandts in Warschau erinnern. Auf jeden Fall hat die Arbeit eine politische Dimension, war ihr Entwurf doch ein Wettbewerbsbeitrag für das Freiheits- und Einheitsdenkmal 2010 in Berlin, der in der engsten Auswahl stand. Somit ist klar, dass der Freiheitsgedanke hier eine grosse Rolle spielt. Die lockere Körperhaltung und der aufwärts gerichtete Kopf und Blick vermitteln eine freiheitlichere Auffassung, die aus historischer Sicht erst seit der Wiedervereinigung möglich ist. Demut und Stolz, Zurückhaltung und Entschlossenheit, Präsenz und ein in die Ferne gerichteter Blick – der „Grosse Kniende“ bleibt ein vertrauter Fremder. Stephan Balkenhol meint dazu: „Gerade in dieser Mehrdeutigkeit meiner Figuren liegt wahrscheinlich ihr Geheimnis, ihre Spannung.“ Die fensterlose Fassadenwand des Hörmann Forums bietet eine ruhige Kulisse, die Grösse des Gebäudes verhindert, dass die über fünf Meter hohe Aussenskulptur als Koloss empfunden wird. Im Gegenteil, Skulptur und Architektur korrespondieren miteinander, scheinen sich zu entsprechen. In Steinhagen bleibt der ausgeführte Entwurf für die Öffentlichkeit zugänglich und ist ihr zugewandt.

Über den Bildhauer

Stephan Balkenhol lebt und arbeitet in Karlsruhe, Kassel und Meisenthal in Lothringen und hat ein weiteres Atelier in Berlin. Als international gefragter Künstler realisierte er Aussenarbeiten in London, Rom, Washington, Berlin, Hamburg und Johannesburg. Grosse Einzelausstellungen fanden in den Deichtorhallen in Hamburg (2008 – 2009) und im Musée de Grenoble (2010 – 2011) statt.

Weitere Informationen zu Stephan Balkenhol finden Sie hier.