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Köln

Ulrich Rückriem zählt zu den wichtigsten Bildhauern der Minimal Art in Deutschland. Seine Arbeiten bestehen aus großen, massiven Steinblöcken. Doch was haben sie mit Höhe zu tun?

Wenn man Ihre Arbeiten betrachtet, denkt man selten an das klassische Streben nach oben. Muss „Höhe“ immer vertikal sein? 
Höhe bedeutet nicht nur, vertikal zu denken. Sie hängt immer auch von der Horizontalen ab. Horizontale und Vertikale müssen immer im richtigen Verhältnis zueinander stehen. Stehen viele hohe Gebäude dicht beieinander, wirken sie weniger hoch, als wenn ein einzelnes Gebäude allein stünde. Viele meiner aufstrebenden Arbeiten begreife ich als horizontale Elemente. Ein Beispiel ist die „Stele für Mies“, die gegenüber der Neuen Nationalgalerie von Mies van der Rohe steht. Sie entspringt meinem Werk „40 Bodenreliefs“, das auf dem strengen 120-Zentimeter-Raster der Neuen Nationalgalerie basiert und nur etwa 18 Zentimeter hoch ist. Würde man alle 40 Reliefs stapeln, entspräche das genau der Höhe der Stele.

Wie spiegelt sich Ihre Vorliebe zur Reduktion in Ihrer Wahrnehmung von Architektur wider?
Ich nehme Architektur als minimalistische, reduzierte, sichtbare, ablesbare Prozesskunst wahr. Ausschlaggebend ist immer die Ort-Raum-Beziehung. Sowohl in der Bildhauerei als auch in der Architektur ist der Raum rund um das Objekt nicht zu vernachlässigen. Beides, Raum und Objekt, nimmt automatisch Bezug aufeinander und beeinflusst sich gegenseitig. Diese Wechselwirkung muss im Einklang sein.

Manche Architekten nehmen sich als Künstler wahr und beschreiben ihre Gebäude „skulptural“. Zu Recht? 
Sicherlich gibt es Gemeinsamkeiten – vor allem die eben angesprochene Wirkung im Raum. Meine Skulpturen können ein Teil der Architektur werden, schließlich nehmen sie genauso Bezug zum Ort. Und doch gibt es Unterschiede: Meine Werke werden betrachtet, die Architektur genutzt. Ob ein Gebäude als Skulptur wahrgenommen wird oder sogar zu einer Skulptur werden kann, vermag ich nicht zu sagen. Letztlich sollte ein Gebäude doch für viele Menschen gleichermaßen funktionieren. Skulpturen sind dagegen individueller in ihrer Wirkung.

Dieselbe Grundfläche: Ulrich Rückriems Werke „Stele für Mies“ (2004) ...
... und „40 Bodenreliefs“ (1998) nehmen unmittelbar Bezug aufeinander.

Wie sehen Sie persönlich Köln aus gestalterischer Perspektive? Haben Sie ein Lieblingsgebäude?
Ehrlich gesagt: Ich kenne keine besonders schöne Architektur in Köln – außer dem Kölner Dom.

Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach frei zugängliche Kunst im öffentlichen Raum?
Kunst ist kein Schmuck. Kunst ist elementarer Teil der Gesell­schaft. Sie sollte generell möglichst öffentlich zugänglich sein – gerne fernab elitärer Räume. Deshalb ist Kunst im öffentlichen Raum elementar und Teil kultureller Bildung. Sie regt die Menschen dazu an, sich mit ihrer Umgebung und der eigenen Position darin auseinanderzusetzen.

Was sollten sich kulturell interessierte Leser bei einem Besuch in Köln nicht entgehen lassen?
Pauschal will ich keine Empfehlung geben, die Geschmäcker sind einfach zu verschieden. Aber einen kleinen Tipp habe ich doch: Rund 30 Kilometer außerhalb von Köln können im Kulturzentrum Sinsteden 50 meiner Arbeiten betrachtet werden. Die meisten stehen in zwei Hallen, die ich selbst entworfen habe.


Ulrich Rückriem
geboren 1938 in Düsseldorf,
machte zunächst eine Steinmetzlehre in Düren. Anschließend arbeitete er als Geselle an der Dombauhütte in Köln. Schließlich studierte er an der Kölner Werkschule bei Ludwig Gies. Ab 1969 arbeitete Ulrich Rückriem in einem gemeinsamen Atelier mit Peter Heisterkamp, der auch als „Palermo“ bekannt war. Mitte der 1970er-Jahre folgten Professuren an den Hoch­schulen für Bildende Künste in Hamburg (1974 bis 1984) und Frankfurt (1988) sowie an der Kunstakademie in Düsseldorf (1984). Ulrich Rückriem gewann renommierte Preise wie den Deutschen Kritikerpreis für Bildende Kunst (1984), den Arnold-Bode-Preis (1985) und den Piepen­brockpreis (1998). Er lebt und arbeitet in Köln.
www.galerieloehrl.de

Ulrich Rückriem vor „Granit Bleu de Vire“ auf der Zeche Zollverein in Essen.
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