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Highflyer

Das Hochhaus zwischen Hybris und Deutungshoheit

Hoch, höher, am höchsten. Seitdem die Menschheit gelernt hat, Steine zu schichten oder Balken zu stapeln, strebten ihre Bauten stets nach oben. Das „Hohe Haus“, der Turm und das Kratzen an Wolken waren seit jeher Ausdruck von Anspruch, Macht und Deutungshoheit. Mitunter aber auch Symbol für Hybris und Zerfall. 

Die klassischen europäischen Metropolen mit langer Ge­schich­te und urbanen Qualitäten tun sich in aller Regel schwer mit archi­tek­tonischen Dominanten. Zumal diese noch dazu eine – im Vergleich zur Geschichte dieser Städte – sehr kurze Halb­werts­zeit haben. Rom oder München fremdeln mit hohen Häusern. Berlin ringt um eine klare Haltung, und Paris hat sie weitgehend ausgelagert. Weit im Westen und jenseits der Seine dürfen sie ihr Eigenleben entwickeln. Im europäischen Kontext bleibt das Verhältnis zu hohen Häusern ambivalent. Und doch wurzelt ihre Faszination tief in der Entwicklung der Menschheit. 

Das Oasia Hotel Downtown in Singapur wird schon bald zugewachsen sein.
Das Wohnhochhaus in der 432 Park Avenue in New York überragt (fast) alles.

Das Scheitern als Leitmotiv 
Spätestens mit dem „Turmbau zu Babel“ wurde ein erstes Mal die Grenze des Machbaren erreicht. Er sollte bis in jene Regionen reichen, in der nach damaliger Vorstellung Gott wohnte. Der Mensch überschreitet damit ganz bewusst seine Stellung, will in eine Ebene vorstoßen, die ihm nicht zusteht, und strebt nach Selbstüberhöhung über göttliche Grenzen. Das Resultat ist bekannt. „Gott“ fühlte sich durch den Turm angeblich schon bei geschätzten 90 Metern Bauhöhe bedrängt und setzte den Arbeiten ein Ende. Der Turm zerbrach zwar nicht in physischer Form – er zerstörte jedoch den Zusammenhalt der Menschheit im babylonischen Sprachgewirr. 

Das Streben nach neuen Grenzen war jederzeit ein Grundmotiv in der Rekordjagd zu neuen Bauhöhen – und nicht immer wurde eine Fehlentwicklung rechtzeitig korrigiert. Die erste „Knick-Pyramide“ unter Pharao Snofru erhielt ihre charakteristische Form, weil Baumeister und Auftraggeber rechtzeitig bemerkten, dass die Neigung der Flächen wohl doch zu steil sein würde. Mit der Entscheidung für den Knick kam man dem Einstürzen dieses Machtsymbols eines gottgleichen Herrschers gerade noch zuvor.

Dass sich „King Kong“ während seiner Flucht in New York ausgerechnet den höchsten Punkt der Stadt aussuchte, um sich und seine Liebste gegen die Häscher zu verteidigen, ist eigentlich rätselhaft. Selbst sein Primatenhirn hätte erahnen können, dass das in derart exponierter Lage nicht gut ausgehen kann. Es war wohl eher der Regisseur Merian C. Cooper, der hier den Kampf zwischen wilder, natürlicher Kreatur und modernster (Bau-)Technik effektvoll inszenieren wollte. Immerhin war der Turm damals mit 381 Metern (oder 440 Metern bis zur Antennenspitze) das höchste Gebäude der Welt. Und obwohl King Kong im Film heftig attackiert und das Hochhaus ziemlich ramponiert wird, bleibt es dennoch stehen. Ein deutlicher Punktsieg der Moderne im Kampf gegen die ungezähmte Natur. 

Blixa Bargeld und die „Einstürzenden Neubauten“
„Einstürzende Neubauten“ waren nicht nur eine Band des Experimental-Rock. Mitgründer Blixa Bargeld bezog sich mit seiner apokalyptischen Weltsicht dabei auf die allerorts in Berlin entstehenden, großformatigen Wohnblöcke, die Zerstörung alter Strukturen und tangierte dabei (womöglich unabsichtlich) jenes Leitmotiv einer Architektur, die regelmäßig weit über die Grenzen des Machbaren hinaus strebte. 
Im nordfranzösischen Städtchen Beauvais stürzte am 29. November 1284 der deutlich zu hochmütige, himmelwärts strebende Chor der gotischen Kathedrale in sich zusammen – gefolgt vom 153 Meter hohen Vierungsturm, der immerhin bis 1573 durchhielt. Das Symbol der Serenissima, der Kampanile von San Marco, stürzte am 14. Juli 1902 ein – praktischerweise just in jenem Moment, als ein unbekannt gebliebener Fotograf auf den Auslöser drückte und das Zerbersten des rund 500 Jahre alten venezianischen Turmes dokumentierte. 

Auf schreckliche Weise beeindruckender sind wohl nur die Bilder der einbrechenden Türme des World Trade Centers in New York, die von den Terroristen nicht zufällig als Anschlags­ziel gewählt wurden, standen sie ihnen doch symbolisch für eine verhasste westliche Kultur, die sie im Gegensatz zu ihrem Glauben wähnten. Die Anschläge vom 11. September stehen unzweifelhaft in Verbindung zum babylonischen Turmbau. War es dort Gott höchstpersönlich, der das Projekt zum Scheitern brachte, waren es in New York die selbsternannten Gottes­krieger, die an seiner Stelle aktiv wurden.

Kapitalistische Konkurrenten
Aus ganz anderen Gründen wie König Kong wollte es auch Josef Stalin den verhassten Amerikanern mal so richtig zeigen. Für den Wettbewerb um den Palast der Sowjets im Juli 1931 wollte er einen Turm errichten, so hoch wie das Empire State Building – und mit einer Lenin-Statue darauf, die den kapitalistischen Konkurrenten dann übertroffen hätte. Dumm nur, dass Sozialisten und Kommunisten schon damals nicht besonders gut kalkulieren konnten. Die für den Bau benötigten enormen Mengen an Stahl und Beton hätten das Land völlig überfordert. Weiter als bis zum Tiefbau gedieh das Projekt des Architekten Boris Iofan nicht. Und als das Scheitern immer klarer wurde, da entstand im flugs gefluteten Fundament ein Freibad – wenigstens hier gelang es, das weltweit größte seiner Art zu realisieren.

Die Säle des „Singapore State Courts“ sind in einem Hochhaus gestapelt.

Das Hochhaus als Treiber der Bautechnik 
Wer die hochgezüchteten Rennwagen verteidigen möchte, der verweist nur allzu gerne auf ihre Rolle als Testfahr­zeuge für die Großserien-Familienkutschen der nächsten Generation. Keramik-Bremsen und Turbolader werden als Beispiele genannt. Und das Hochhaus ist tatsächlich die Formel 1 der Baukonstruktion. Elisha Graves Otis hat den Aufzug zwar nicht erfunden, aber er hat ihn so sicher gemacht, dass mit ihm endlich auch Menschen transportiert werden konnten und die Höhe des Gebäudes nicht mehr durch die körperliche Fitness der Nutzer limitiert war. Stahlskelett, Stahlbeton, moderner Brandschutz oder auch Klimatisierung sorgten für jene Innovationen, die zuerst Hochhäuser ermöglichten – und danach auch andere Bauformen vorantrieben. 

Erfindungsreichtum
Ob immer alles auch wirtschaftlich ist, was technisch mach­bar wird, steht auf einem anderen Blatt. Die Immobilien­wirt­schaft, limitierte Bauflächen in bevorzugten Lagen und immer wieder das Hochhaus als Symbol für was auch immer sorgen dafür, dass Dinge erfunden werden, die es zuvor nicht gab. Seillose Hochgeschwindigkeitsaufzüge, die sich nicht nur vertikal sondern auch horizontal bewegen, erschließen diese gestapelten Städte – und ließen ihrerseits neue Gebäudetypen entstehen, wie den „Testturm“ in Rottweil. Mit 246 Metern Höhe dient er dem einzigen Zweck, unentwegt auf und ab zu fahren und Daten zu liefern (oder ein nicht zu unterschätzender Tourismus-Magnet zu sein).

Ökologie und Ökonomie im Widerstreit
Dass Hochhäuser angesichts des enormen technischen Aufwands nicht unbedingt den kleinsten CO2-Fußabdruck haben können, verwundert nicht. Ebenso logisch ist es, dass Firmen als Auftraggeber und Architekturbüros als Entwerfer alles tun, um ihre Produkte an den Zeitgeist anzupassen. In Frankfurt war es Norman Foster, der im neuen Commerzbank-Turm mehrgeschossige Wintergärten verteilte und damit als Erster einen „ökologischen“ Ansatz verfolgte. In Mailand hüllte Stefano Boeri seinen „Bosco Verticale“ in einen grünen Pelz aus Vegetation – eine Fassadenform, die in künftig immer noch weiter überhitzenden Metropolen für ein besseres Mikroklima sorgen soll und dennoch die viel zu selten realisierte Ausnahme bleibt. 

Hochhäuser segregieren die Bevölkerung
Gefragte Städte ohne Möglichkeit, in die Fläche zu wachsen, sind das ideale Biotop für ein enormes Längenwachstum – vorausgesetzt, der Baugrund lässt es zu und das Selbstver­ständnis der Stadt ist geeignet. Metropolen wie Singapur, Hongkong oder auch New York sind die Beispiele. Eher umgekehrt ist die Entwicklung in Bern oder auch in Teilen Londons. In der Schweizer Hauptstadt besteht faktisch ein Verbot von hohen Häusern – was dazu führt, dass die Keller immer tiefer werden. Sechs bis acht unterirdische Geschosse sind keine Seltenheit mehr. In den Londoner Stadtteilen Kensington oder Chelsea, Belgravia oder Mayfair passiert Vergleichbares. Die historischen Stadtvillen wachsen gleichfalls nach unten, um dort Schwimmbäder oder Personalwohnungen unterzubringen. Die extrem schlanken „Pencil-Towers“ in Manhattan sind das vorläufige Ende dieser extremen Entwicklungen und bringen die Haustechnik an ihre Grenzen – und darüber hinaus. Die Schwingung der Türme unter besonders heftiger Windlast lässt die Möbel wandern. Die Leitungen knacken, und die Aufzüge stellen ihren Dienst ein. 

Stadtflucht
Inwieweit diese hochverdichteten Innenstädte eine Zukunft haben, wird sich zeigen müssen. Schließlich führen extreme Baukosten zu abnorm hohen Mieten, und dies wiederum sorgt für eine automatische Segregation der Einwohner­schaft. Nur noch Bestverdienende leisten sich das städtische Leben. Alle anderen, die dafür sorgen, dass das Leben dort überhaupt möglich ist, pendeln stundenlang bis weit ins preiswertere Umland.

Peter Cachola Schmal hat einen guten Über­blick, was Hochhäuser betrifft. Schließ­lich lobt er als Direktor des Deutschen Archi­tektur­museums in Frankfurt den jährlich verliehenen Internationalen Hochhauspreis aus. In seinem Text erläutert er, welche Anfor­der­ungen heutzutage an Hoch­häuser gestellt werden.

Ökologische und nachhaltige Aspekte beim Bauen sind besonders beim Hochhausbau ein Thema. In Deutschland wird dieser Aspekt oft verallgemeinernd allen Hochhäusern abgestritten. Dabei wird klar übersehen, dass wir in Europa nicht so viele Hochhäuser zum Verdichten brauchen, beziehungsweise diese sich nur selten wirtschaftlich tragen werden. Doch die Weltbevölkerung wächst. Sie wird von derzeit acht Milliarden Menschen in diesem Jahrhundert auf über zehn Milliarden ansteigen. In den am dichtesten besiedelten Regionen der Welt wird der Typus Hochhaus die einzige sinnvolle Anord­nung zum Wohnen und Arbeiten darstellen. Flächen für den Anbau von Lebensmitteln und zur Erholung müssen freigehalten werden. In Singapur wurden bereits elfgeschossige Wohnungsbauten aus den 1970er-Jahren abgerissen. Höhere Bauten sollen dort jetzt für mehr Grünflächen entstehen. Das Motto ihrer Stadtentwicklung hat sich entsprechend gewandelt: von „Garden City“ (1967) über „City in a Garden“ (2000) zum aktuellen „City in Nature“. Es wird höchste Zeit, dass wir uns selbst die Frage stellen: Wo stehen wir heute mit den aktuellen Leitbildern für unsere Städte?

Grüne Fassaden, vertikale Dörfer
In Singapur setzt das Oasia Hotel Downtown (2016) von Woha Architects Maßstäbe. Besonders hervorzuheben ist – neben dem üppigen grünen Kleid, welches das Haus umrankt – die hybride Mischung der Nutzungen. Diese Haltung ist bei uns aus finanztechnischen Gründen – die Fonds investieren nur in Wohn- oder Gewerbeimmobilien – nicht verbreitet, aber das wird sich in Zukunft ändern. Denn diese neuen vertikalen Dörfer sind die Zukunft. Ihre Mischung aus Flächen für Büros, Hotels, Parken, Gastronomie und Freizeitaktivitäten  – wie einem Schwimmbad auf dem Dach – sorgt für eine zeitlich differenzierte Nutzung. Das wirkt sich positiv auf die gesamte Immobilie, ihre Umgebung und auch ihre soziale Bedeutung aus. Hier wird 24/7 genutzt, und zwar nicht nur zu Berufsverkehrszeiten.

Der nicht weit entfernte CapitaSpring der dänischen BIG Architects ist ein herausragendes Beispiel für eine erfolgreiche Stadtplanung. Die Idee war, den abends aus­gestorbenen Central Business District (CBD) aus den 1970er-Jahren wiederzubeleben und zu einem attraktiven und touristischen Ort zu transformieren. Das ist gelungen. Die 280 Meter hohe Dachterrasse, der viergeschossige Garten auf 100 Metern Höhe sowie das öffentliche „Wohnzimmer“, also ein „Dritter Ort“ im Erdgeschoss, haben die Bevölkerung in Scharen hergelockt, zumal die Besuche kostenfrei sind.

Experimentelle Stapelung
Singapur ist – noch vor New York – die Stadt mit den meisten Nominierungen für den Internationalen Hochhauspreis. Hier fällt ein bauliches Experiment der Extremklasse auf: ein sozialer Wohnungsbau für 1000 100-Quadratmeter-Woh­nungen in 50-geschossiger Ausführung. Dieser Typus wurde viermal gebaut, der beste ist das Pinnacle@Duxton (2009) von arc studio. Die sieben Türme dieser impo­santen Wand ragen über Chinatown mit seinen traditionellen, zweigeschossigen Shophouses mit roten Dachziegeln hinaus und bieten der Umgebung einen echten Mehrwert neben dem weitläufigen Park zu ihren Füßen. Die umlaufende Dachterrasse in 150 Metern Höhe steht den Besuchern offen. Die in der Mitte angeordnete umlaufende Jogging­bahn ist dagegen ausschließlich den Bewohnern vorbehalten.

Nicht nur Wohnraum, sondern auch öffentliche Infra­struktur werden in Singapur gestapelt, um gut erreichbar und damit attraktiv zu sein. Das neue Gerichtsgebäude State Courts (2019) von Serie Architects aus London hätte wegen seines enormen Flächenbedarfs in üblicher horizon­taler Ausdehnung nur noch am Stadtrand gebaut werden können. Stattdessen setzte man auf eine vertikale Verdichtung der über 100 notwendigen Säle und Kammern in 35 Geschossen. Die feine Gestaltung und die einfache Trennung der verschiedenen notwendigen Wegeführungen in Gerichten über Aufzüge und ein getrenntes Hochhaus für die Verwaltung sind beeindruckend.

Transformation
Der aktuelle Trend des Weiterbauens, des Nicht-Abreißens und der Transformation des Bestands ist auch im Hoch­haus­bau angekommen – trotz der zeitlich längeren Planungs- und Bauzeiten. Der Quay Quarter Tower im austra­lischen Sydney wurde von 3XN Architects entworfen und ist „The World‘s First Tower Transformation“. Die Architekten haben es geschafft, die Nutzflächen des Vorgängerhochhauses aus den 1970er-Jahren durch eine geschickte Addition zu verdoppeln – und das, ohne den Schattenwurf auf einen denkmalgeschützten Park aus den Anfangsjahren Australiens zu vergrößern. Auch hier hat sich das aktuelle Motto unserer Jury für gelungene Hochhausbauten bestätigt: „Sei ein guter Nachbar!“ Der Komplex bietet seiner näheren Umgebung sehr viel: weitläufige Gastronomie, eine öffent­liche Terrasse, einen Block mit Wohnungen und die beliebten Lanes auf Erdgeschossebene direkt nebenan.

Auch in China ist eine bemerkenswerte Transformation eines Bestandsbaus zu beobachten. Das ist besonders hervorzuheben, denn seit den 1970er-Jahren wurden Tausende solcher Türme in ganz Südost- und Ostasien gebaut und bisher immer abgerissen, um höheren Neubauten zu weichen. Hier geht es um das farbenfrohe Shenzhen Women & Children‘s Centre von MVRDV. Das Gebäude wirkt vollkommen fremdartig, aber sehr menschenfreundlich. China hat dieses Projekt als Prototyp deklariert, und es ist davon auszugehen, dass in gewohntem „China-Speed“ sehr viele weitere Transformationen folgen werden.

Gruppierung
Ebenfalls in China ist eine weitere interessante Entwicklung zu beobachten: Eine Gruppierung von Hochhäusern in gleicher formaler Sprache demonstriert unmissverständlich die ökonomische Stärke der Bauherren. Die von den deutschen gmp Architekten 2024 in Shanghai errichteten The Springs sind ein sehr gutes Beispiel. Der imposante Komplex be­steht aus sechs fast identischen Türmen von 100 bis 130 Metern Höhe, die rechtwinklig zueinander angeordnet sind. Ebenso das Projekt Nanjing Financial City I von 2017 in der gleichnamigen Metropole. Es geht um zehn Türme zwischen 100 und 200 Metern Höhe. Auf einem 80.000 Quadratmeter großen Grundstück sind 500.000 Quadratmeter Bürofläche entstanden, und zwar so, dass sie erkennbar aus einer Hand für den Investor entworfen wurden.

Würfel
Die vertikale und horizontale Verdichtung von Flächen wird hier auf beeindruckende Weise umgesetzt. Das Amorepacific Headquarters von 2017 im koreanischen Seoul von David Chipperfield Architekten aus Berlin ist ein herausragendes Beispiel für ein Hochhaus als Block. Mit einer Höhe von 110 Metern ist es so breit wie hoch, sodass es kaum noch als Hochhaus wahrgenommen werden kann. Dieser Würfel ist abstrakt und eine geometrische Skulptur. Er ist von einem Brise Soleil umhüllt und hat riesige Öffnungen. Die Qualität der Ausführung für die Zentrale des berühmten Kosmetikkonzerns ist herausragend. Dieser Trend des überdimensionierten Hochhausblocks wird sicher noch oft in Asien auftauchen. Bei uns werden die Arbeitsplatzrichtlinien das zu verhindern wissen.

Schlank
Schließlich muss ein weiteres absurdes Ende der Hochhaus­architekturentwicklung beleuchtet werden: der Bau der Blei­stifthäuser in Manhattan, was auch nur in Manhattan, New York City, möglich ist. Denn nur dort können Immobilien die enormen Baukosten, bedingt durch die extremen Bau­kon­struktionen, wieder beim Verkauf der Wohnungen einholen. Diese ultradünnen Türme bestechen aufgrund ihrer unmöglich erscheinenden Schlankheit. In der Statik im Studium haben wir gelernt, dass eine Schlankheit von mehr als 12:1 physikalisch nicht möglich ist. Der schönste und markanteste Bleistift ist ganz klar 432 Park Avenue von Viñoly Architects. Er hat einen Schlankheitsfaktor von 15:1 bei einer Höhe von 426 Metern und wurde 2011 fertiggestellt. In der Umgebung der Billionaires‘ Row gibt es allerdings einen Bleistift, der ihn noch übertrifft. Der „thinnest skyscraper in the world“ ist der 111 West 57th Street oder auch Steinway Tower (2022) von SHoP Architects. Er misst 24:1 – bei einer Höhe von 435 Metern entspricht das einer Breite von nur 18 Metern! Die Wettbewerbsspirale erfährt derzeit ihr natürliches Ende, denn es gibt Gerüchte über statische Probleme beim ersten der beiden Türme. Das hatte sofort rapide fallende Wiederverkaufspreise der Wohnungen zur Folge.

Dr. Dietmar Danner
geboren 1959 in Oberndorf am Neckar, 
ist ausgebildeter Tageszeitungsredakteur, studierte Architektur und wurde mit einer Arbeit über Geschmacksbildungsprozesse in der Architektur promoviert. 25 Jahre arbeitete er als Redakteur bei verschiedenen Design- und Architekturzeitschriften – einen Großteil davon als Chefredakteur / Verlags­leiter von AIT und xia. 2013 verabschiedete er sich in die Selbstständig­keit, gründete mit Architect’s Mind eine Kommunikationsagentur, veranstaltete weltweit Kongresse und Workshops. Seit 2022 befindet er sich im Ruhestand und ist als freier Autor und Berater tätig.  

Peter Cachola Schmal
geboren 1960 in Altöttingen,
studierte Architektur an der TU Darmstadt. Neben Lehrtätigkeiten an der TU Darmstadt und FH Frankfurt am Main arbeitete er als angestellter und freier Architekt und ist seit 1994 als Architekturpublizist tätig. Seit der Jahr­tausendwende ist er beim Deutschen Architekturmuseum, zunächst als Kurator, seit 2006 als Leitender Direktor tätig.
www.dam-online.de

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