Gespräch mit Lorenz Pohlemeier

Bestandsaufnahme

vom 20.01.2017

Ich war dabei, als Martin Hörmann sich mit Mitgliedern des Vereins „Ingenieure ohne Grenzen“ in Amshausen traf. Das Treffen blieb ergebnislos. Zwei Monate später rief Martin mich an und wollte mit mir nochmal über Indien reden. Es schien mir nicht schlüssig, was ich bei diesem Gespräch über die Situation in Gagillapur, dem Standort des indischen Hörmann Betriebes erfuhr.

Ich schlug vor, mich auf eigene Kosten selbst vor Ort umzusehen. Dabei traf ich auch das indische Management von Shakti Hörmann – ehemals Shakti Met-Door. Mir wurde gesagt, befreit uns bitte von den ständigen Bettelbriefen und Besuchen, die uns die lokale Verwaltung und andere Dorfgrößen von Gagillapur schickt.

Es gab kein System in dem sozialen Engagement des Unternehmens. Mein Vorschlag war dann: wenn ihr etwas Sinnvolles für den Standort tun wollt, fasst die Entwicklung des Ortes ins Auge.

Dazu gehört zunächst eine Bestandsaufnahme. Wir dürfen uns um Gottes willen nicht überheben. Man sollte nur an bestimmten Stellen ansetzen. Das wäre erst einmal die Verwaltung. Was kann man da verbessern? Wie sieht es mit der Bürgerbeteiligung in der Gemeinde aus, also mit der Zivilgesellschaft des Ortes. Wird die gehört? Kann die kontrollieren? Man sollte möglichst alle Ebenen – die überregionale Politik, die staatliche Verwaltung – in die Untersuchung einbeziehen. Es gibt in Indien ja Sozialprogramme verschiedener Art. Kommen die bei den Armen des Ortes an? Wichtig zu wissen ist auch, ob es soziales Engagement anderer Akteure, anderer Firmen z.B. schon gibt.

Man kann nicht annehmen, dass eine Firma wie Hörmann und dazu noch mit einem relativ kleinen Betrieb wie Shakti Hörmann mit 300 Mitarbeitern ein ganzes Städtchen entwickeln kann. Davon können nur Impulse ausgehen und gewisse Kapazitäten aufgebaut werden. Es geht darum, einen Prozess in Gang zu bringen, der sich langfristig selbst trägt.

Frühere Förderungen

Sich als Ausländer in solche sozialen Prozesse einzubringen, ist in jedem Land schwierig. Dessen muss man sich in jedem Fall bewusst sein. Man muss immer erst eine Menge lernen. In unserem Fall war vorteilhaft, dass wir mit der Firma Shakti Hörmann und deren Management sehr erfahrene Mitstreiter vor Ort hatten und haben, die auch für Neues sehr offen sind.

Die ersten von Hörmann in der früheren Phase bewilligten Fördergelder gingen an die katholische Kirche und zwar für den fast fertig gestellten Bau einer örtlichen katholischen Kirche, eigentlich schon einer Kathedrale. Das Geld von Deutschland aus zur Verfügung zu stellen, erwies sich als schwierig. Es musste „Missio“ in Bonn eingeschaltet werden. Die haben das Geld dann an die katholische Kirche vor Ort überwiesen.

Shakti Met-Door selbst hatte schon vor der Übernahme durch Hörmann Infrastruktur-Projekte in Gagillapur unterstützt. Nur sind die alle versandet. Dieser Form, sich zu engagieren, wollten sowohl die Shakti-Manager als auch Hörmann beenden. Martin Hörmann wusste aber nicht wie.

Es gibt in Gagillapur ein Gelände, auf dem die Abwässer des Ortes enden. Das ist eine riesige stinkende Kloake. Martin wollte dazu beitragen, dass dieser Zustand beseitigt wurde, d.h. eine vernünftige Kanalisation gebaut wurde. Deswegen hat er sich ja auch an die „Ingenieure ohne Grenzen“ gewandt. Das hätte ein mehrjähriges Projekt für Hörmann werden können.

Nun kam ich dazu und sah, dass der Wasserturm des Ortes, die Wasseraufbereitungsanlage, Dinge, die von Shakti Met-Door in den zurückliegenden Jahren bezahlt worden waren, nicht mehr funktionierten. Ich war und bin fest überzeugt, dass es in der Regel keinen Sinn hat, isoliert in ein Projekt der Infrastrukturverbesserung zu investieren. Auch in diesem Fall kam es mit so vor. Niemand fühlt sich verantwortlich für die Erhaltung oder auch nur für ein vernünftiges Betreiben von Anlagen, die keinen Eigentümer haben.

Ich bekam dann auch vom Abgeordneten, der für den Bezirk zuständig ist, in dem die Wasseraufbereitungsanlage steht, gesagt: Wann repariert ihr die endlich wieder? Er empfand sie nicht als Gemeindeeigentum sondern als Angelegenheit, für die Shakti Hörmann zuständig ist. Der Mangel an Mitwirkung und Verantwortungsbewusstsein kann nur über einen mühsamen Weg behoben werden.

Erste Schritte und Helfer

Wir fanden dann MAS, eine lokale Hilfsorganisation, eine Agentur, die erfahren ist in der Zusammenarbeit mit Selbsthilfeorganisationen. MAS ähnelt einer Consulting-Organisation. Sie hat ein gutes Renommee und schien in unserem Bereich schon Erfahrungen vorzuweisen zu können. Durch MAS wollten wir sofort Zugang zur lokalen Situation bekommen.

Wir haben also MAS engagiert, mussten dann aber feststellen, dass sich deren Mitarbeiter ganz konkret doch nicht mit Gemeindeentwicklung beschäftigt hatten. In den Gesprächen mit uns haben sie sich halt gut verkauft, hatten aber dann doch nicht ganz die Kapazitäten, die sie angegeben hatten.

Der Anfang war darum um vieles schwieriger als gedacht. Wir mussten und müssen noch heute ständig nachbessern. Wir müssen die fehlenden Managementkapazitäten und Visionen ergänzen durch Mitstreiter, die wir nun zusätzlich heranholen wie meine Mitarbeiterin Mrinalini Shastry und d.h. auch, dass ich häufiger als geplant vor Ort sein muss. Das macht zudem unser Projekt teurer als gedacht. Es wird dadurch auch schwieriger. Wir können ja immer nur von aussen ergänzen und aushelfen. Wir müssen uns nun für einen Neuanfang organisieren. Ich bereite das mit den Helfern vor Ort vor. Ich hoffe, wir kommen nach den gemachten Erfahrungen nun besser und schneller voran.

Unsere Aktivitäten laufen aber weiterhin über MAS. Die kümmern sich um die abgesprochenen Bildungs- und Ausbildungsmassnahmen aber auch um den Geldtransfer. Wenn z.B. die Wasseraufbereitungsanlage zu reparieren ist, dann zahlt das MAS mit Geld, das Hörmann überweist. Die Inder sind was Auslandsüberweisungen und solche Abrechnungen anlangt, sehr genau.

Lernprozesse und Verhandlungspartner

Shakti Hörmann will damit auch nichts zu tun haben. Das war ja einer der gleich anfangs geäusserten Wünsche. Das Management wollte zu den eigentlichen Aufgaben des Betriebes keine zusätzliche Verantwortung übernehmen. Dazu hätten ja auch die Auswahl und die Begleitung von Projekten gehört, für die sie wieder gegenüber der Hörmann Gruppe hätten verantwortlich sein müssen.

Das war mir von Anfang an klar. Das Management hat alle Hände voll zu tun, die von Hörmann in den Betrieb gebrachten Vorstellungen von Qualität und Planungssicherheit zu erfüllen. Das war ja eine kulturelle Revolution, durch die sie gehen mussten. Da kommt vieles zusammen: die baulichen Veränderungen, die Qualifizierung der Mitarbeiter, die Rechnungslegung usw.

Der Einsatz von Mrinalini Shastry hat sich sehr bewährt. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, die Führung von Shakti Hörmann mit der Arbeitsweise von MAS vertraut zu machen. Sowohl die Shakti-Managern als auch Martin Hörmann sind von ihrer Arbeit beeindruckt.

Indirekt hat Mrinalini das Management des Teams übernommen. Sie ist eine Honorarkraft und wird von Hörmann bezahlt. Sie ist selbst politisch vernetzt. Sie hat für eine Agentur gearbeitet, die Aufträge der Regierung hatte.

MAS hatte uns einen Teamleiter versprochen. Der ist aber erst im November vorigen Jahres wirklich zum Einsatz gekommen. Das war ein Fortschritt, obwohl er sich nur begrenzt einbringen konnte. Mrinalini ergänzte, was ihm fehlte.

Wir haben nun ein Jahr Lehrzeit hinter uns. Ob der Lernprozess auch bei MAS sich durchsetzt, ist noch offen.

Neu ist, dass die Zusammenarbeit mit dem deutschen Ministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ) in Gang kommt. Wir können damit vom politischen Schirm deutscher Institutionen in Indien profitieren. MAS hat schon mit der BMZ-Durchführungsorganisation GIZ (Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit) kooperiert. Alleine als Berater einer Privatfirma habe ich nicht genügend Prestige und Verhandlungsspielraum. Es wirkt sich positiv aus, wenn wir als eingebunden in einer grösseren Institution zu erkennen sind. Ohne politische Unterstützung kommt man nicht weit bei so einem Projekt.

Leider hat in der Zwischenzeit eine Neuordnung der Distrikte stattgefunden. Die ausgezeichnete Verbindung zwischen dem früheren Distriktchef und der Leitung von MAS besteht nicht mehr. Da sitzt jetzt ein Neuer. Da muss man neu anfangen. Das kann man auch über die Botschaft oder GIZ versuchen, damit der Distriktchef weiß, dass es eine Verbindung vom Hörmann-Projekt zur deutsche-indischen Zusammenarbeit gibt.

Mitarbeit in der Gemeinde

Durch die Bestandsaufnahme und unsere Ortskenntnisse wissen wir einigermaßen Bescheid über die Infrastruktur von Gagillapur. Wir haben eine Übersicht über die Selbsthilfegruppen. Wir kennen deren Potential. Wir haben eine Dorfentwicklungsgesellschaft ins Leben gerufen. Deren 22 Mitglieder sind gewählt worden. Die repräsentieren nun tatsächlich die 8.000 Einwohner von Gagillapur. Sie sind ein Sprachrohr der Zivilgesellschaft. Sie bilden ein Gegengewicht zur Gemeindeverwaltung. Die ist – wie überall in Indien – ineffizient. Aber die beiden Einrichtungen haben nun begonnen, zusammen zu arbeiten. Das geht nicht reibungslos.

Wir haben auch einen Überblick über die Lage der Ärmsten der Armen. Wir sind von Familie zu Familie gegangen und haben uns nach der Zahl und dem Alter der Familienmitglieder erkundigt. Wir haben nach dem Einkommen gefragt und nach der bestehenden sozialen Unterstützung. Wir helfen denen, nicht indem wir Geld geben sondern indem wir ihnen den Zugang zu den bestehenden staatlichen Programmen öffnen.

Darunter sind z.T. Analphabeten, die keinen Antrag ausfüllen können. Dabei helfen wir. Wir gehen mit denen zu Behörden und verfolgen, was dabei herauskommt. Wir sehen auch zu, dass bewilligte Gelder sinnvoll eingesetzt werden. Wir haben das für 250 Leute begonnen. Um 45 von ihnen haben wir uns intensiv gekümmert. Wir haben eine Liste von 150 Jugendlichen, die ihre Ausbildung verbessern wollen. Bei den 18 grössten Firmen im und um den Ort herum haben wir uns nach den gesuchten Arbeitskräften erkundigt. Wir wollen die geförderte Ausbildung auf deren Bedarf abstimmen.

Es gibt Nähkurse und Computerkurse. Wir beginnen jetzt eine Zusammenarbeit mit dem Don-Bosco-Zentrum für Ausbildung in Gagillapur. Dabei haben wir nicht nur die örtliche Ausbildungsstätte im Auge. Don Bosco ist die grösste Ausbildungseinrichtung in Indien abgesehen vom staatlichen Schulsystem. Don Bosco verfügt über umfangreiche Ausbildungsstätten in Bombay. Da lassen auch die grossen europäischen Unternehmen ihre Leute ausbilden. Mit der dualen Ausbildung, wie wir sie aus Deutschland kennen, hat Don Bosco zudem viel Erfahrung.

Sollten wir in Gagillapur uns mehr auf die Ausbildungsförderung konzentrieren, ist Don Bosco ein exzellenter Partner. Wobei diese Einrichtung sich auch um das soziale und familiäre Umfeld sehr stark kümmert, z.B. durch den Einsatz für Strassenkinder.

Wir haben langfristige Ziele: Kapazitäten aufbauen, Übernahme von Verantwortung für die geförderten Massnahmen, Unterstützung von Initiativen, die von unten kommen. Das dauert Jahre. Parallel dazu suchen wir begrenzte Erfolgsgeschichten zu realisieren, damit die Bevölkerung sieht, was möglich ist und auch, um die Leute bei der Stange zu halten.

Die Zivilgesellschaft stärken

Das Geld für all diese ersten Initiativen kommt von Hörmann. Wir wirken nicht nur über die Entwicklungsagentur MAS Wir haben Vereinbarungen mit der Distrikt- und der Kreisverwaltung – das ist die staatliche Seite –, und wir haben Vereinbarungen mit der Gemeindeverwaltung. Und schliesslich gehört dazu die neuerlich geschaffene Dorfentwicklungsgesellschaft. Das „Wir“ ist also vielstimmig. In ihm drückt sich die Zivilgesellschaft aus, die der Gemeindeverwaltung gegenübersteht. Während sie bei und in Deutschland sehr artikuliert agiert, fehlt sie in Indien weitgehend oder ist nur in Ansätzen vorhanden. Wir suchen die Zivilgesellschaft zu stärken und zugleich die Gemeindeverwaltung zu verbessern.

Im Ort besteht nun ein Büro, das von MAS und der Dorfentwicklungsgesellschaft getragen ist. Es wird von 4/5 z.T. ehrenamtlich tätigen Dorfbewohnern genutzt, die Ansprechpartner für alle Themen sind. Das ist keine Hörmanneinrichtung und auch kein Büro von MAS. Das wollen wir überhaupt nicht, weil ja auch andere, die sich in Gagillapur engagieren möchten, daran partizipieren sollen. Die Distriktverwaltung empfindet es als eine ihrer Einrichtungen.

Wir stoßen auch auf undurchsichtige Strukturen, z.B. bei der Wasseraufbereitungsanlage, die repariert worden ist. Sie wird aber nicht von allen begrüßt. Einige Dorfgrößen haben Tankfahrzeuge zum Wasserverkauf. Die Anlage ist also eine Konkurrenz für sie. Darum möchten die da gerne den Stecker ziehen. Damit müssen wir leben. Die Gemeindeverwaltung zahlt inzwischen den Strom für die Aufbereitungsanlage. Über sie haben wir auch jetzt kostenlosen Zugang zum Rohwasser, das wir bisher kaufen mussten. In Gagillapur eignen sich nur 40 - 50 % des Rohwassers als Trinkwasser.

Es finden also umfassende lokale Lernprozesse statt. Die Dorfbewohner lernen Schritt für Schritt, dass man etwas erreicht, wenn man sich erkundigt, wenn man selbstbewusst auftritt, wenn man sich was traut und zusammenhält und sich wehrt. Das ist der von uns angestrebte Prozess.

Bei einem Treffen mit der Dorf-Entwicklungsgesellschaft, an dem ich teilgenommen habe, wurde ich als Vertreter von Hörmann Adressat der Klagen über MAS. Ich konnte aber klar machen, dass Eigenverantwortung gefragt ist und es nicht angeht, Hörmann als Zahlenden und MAS als Ausführenden zu sehen, die man für alles verantwortlich machen kann. Diese Gesellschaft, habe ich argumentiert, muss mal endlich selbst tätig werden, planen und realisieren. Dafür müssen sie sich um staatliche Gelder kümmern aber auch selbst Geld sammeln. MAS ist kein Generalunternehmer, sondern eher dazu da, die Leute anzuleiten und zu unterstützen.

Der frühere Distriktchef, den wir jetzt leider verloren haben, hat ausdrücklich gesagt: „Gebt uns kein Geld für Infrastrukturverbesserung. Geld ist da. Ich kann es nur nicht sinnvoll ausgeben, wenn nicht vor Ort vernünftig geplant wird und keine ausreichenden Kapazitäten für die Nutzung, Wartung, etc. bestehen. Dabei kann mir Hörmann bzw. das durch Hörmann in Gang gebrachte Projekt helfen“.